Liberalismus

Unsere Freiheit, von außen gesehen

Die seit 1989 dominierende Leitvorstellung Freiheit ist inzwischen auf allen Ebenen schweren Anfechtungen ausgesetzt: wirtschaftlich, kulturell, politisch. Schien es nach 2001 vorerst nur der radikale Islam, der unsere Wertvorstellungen bedrohte, sind die illiberalen Strömungen inzwischen weltweit auf dem Vormarsch. Als Antwort darauf verschanzen sich weite Teile des liberalen Meinungsspektrums im Westen hinter einem dogmatischen Begriff von Freiheit, der für die anstehenden Auseinandersetzungen mit dem Autoritarismus keine neuen Perspektiven eröffnet.

Hilfreiche Perspektive von außen
Eine differenzierte Sicht auf unsere Vorstellungen von Freiheit wird hingegen derzeit von zahlreichen nicht-westlichen Intellektuellen formuliert. Sie ist geschult ebenso in der Auseinandersetzung mit einem hegemonialen Westen wie mit autochthonen autoritären Regimen und Gesellschaftsstrukturen. Stefan Weidner skizziert in seinem Essay, wie der Freiheitsbegriff außerhalb des Westens während der letzten Jahre gedacht worden ist und ob diese Überlegungen den unter Druck geratenen Liberalismus erneuern und um hilfreiche Perspektiven ergänzen können.


Stefan Weidner, geboren 1967, ist Islamwissenschaftler, Autor und Übersetzer, und lebt in Köln. Zuletzt erschien von ihm im Hanser Verlag „Jenseits des Westens. Für einen neuen Kosmopolitismus“ und die Übersetzung der Gedichte des mittelalterlichen arabischen Mystikers Ibn Arabi: „Der Übersetzer der Sehnsüchte“ (Verlag Jung und Jung).


1873 fantasierte der französische Schriftsteller Jules Verne in seinem gleichnamigen Roman von einer „Reise um die Welt in achtzig Tagen“. Was damals noch gar nicht möglich war, gelingt heute in 48 Stunden, also 40 Mal so schnell. Die Welt, so könnten wir daraus schließen, ist um den Faktor 40 geschrumpft; oder wenn man den Effekt der elektronischen Kommunikationsmedien hinzurechnet, womöglich noch viel stärker.

Der Hauptsatz des klassischen Liberalismus
Wenn der Hauptsatz des klassischen Liberalismus lautet, dass die Freiheit des einzelnen Menschen ihre Grenze erst an der Freiheit der anderen finden soll, so bedeutet dies mehr als 200 Jahre nach der Entwicklung dieser Idee, dass proportional zur Welt zwangsläufig auch die Freiheit kleiner wird. Je enger die Welt mit Hilfe der Technik zusammenrückt, desto schneller stößt man an die Freiheiten der anderen – auch wenn wir es oft gar nicht merken, weil etwa vom Klimawandel vor allem andere Weltgegenden betroffen sind. Der alte Grundsatz des Liberalismus läuft heute auf die Einsicht hinaus, dass es die Freiheit, wie sie die Aufklärer meinten, bald kaum noch geben dürfte, und zwar nicht, weil die Menschen sie nicht mehr wollen, sondern weil die Welt ein anderer Ort geworden ist.

Der Text basiert auf einer Sendung "Essay und Diskurs" des Deutschlandfunks. Dies ist der Link auf die vollständige Sendung