Der schmale Grat der Hoffnung

Es braucht einen Aufstand des Gewissens!

Der schmale Grat der Hoffnung
von Jean Ziegler
Vorgestellt von Ursula Voss, NDR Info   10.4.2017


Nach wie vor sterben jeden Tag etwa 30.000 Menschen an Unterernährung. Und die aktuelle Not in Afrika lässt sogar befürchten, dass es wieder mehr werden. Einer, der seit Jahrzehnten gegen diesen Skandal des Hungers Sturm läuft, ist der Soziologe, Politiker und Globalisierungskritiker Jean Ziegler. In vielen Büchern hat Ziegler das Unrecht an den Hungernden immer wieder angeprangert. Und auch wenn ihn manche als Altlinken abtun wollen: Er schreibt weiter. Sein neuester Titel "Der schmale Grat der Hoffnung" ist aber nicht nur scharfe Kritik, sondern auch Bilanz und ganz vorsichtige Hoffnung zugleich.


Das Buch "Der schmale Grat der Hoffnung" von Jean Ziegler ist im C. Bertelsmann-Verlag erschienen.
Jean Ziegler - inzwischen 82 Jahre alt - bleibt sich treu. Auch in "Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden" geht es um die - seiner Meinung nach - zutiefst ungerechte Verteilung des Reichtums auf der Welt. "Wir leben unter einer kannibalischen Weltordnung, die gezeichnet ist durch große Ungleichheit - eine unglaubliche Macht-Akkumulation in den Händen ganz Weniger und großes Elend für Hunderte und Hunderte Millionen Menschen."

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind
In Interviews und Talkshows weist Ziegler unermüdlich darauf hin, dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Das sei ein Verbrechen, denn: "Es gibt keinen objektiven Mangel mehr an Gütern heute auf diesem Planeten. Ein Kind, das jetzt an Hunger stirbt, während wir reden, wird ermordet."

Ziegler nennt Investmentgesellschaften "Geier-Fonds"
Verantwortlich für den Hunger und den Bankrott vieler Länder des Südens ist seiner Meinung nach die global agierende Finanzoligarchie, darunter vor allem die auf Maximalprofit ausgerichteten Investmentgesellschaften, die von Ziegler als "Geier-Fonds" etikettiert werden.

"Geier-Fonds sind spekulative Investitionsfonds mit Sitz in Steuerparadiesen (...) Sie kaufen auf dem Sekundärmarkt zu Niedrigstpreisen alte Schuldverschreibungen auf. Dann verklagen sie die Schuldnerländer vor ausländischen Gerichten auf hundertprozentige Begleichung der Schuldtitel." Leseprobe

Und erzielen damit maximale Profite. Oft in zweistelliger Millionenhöhe. Die Schuldnerländer verarmen. Recht und Gerechtigkeit sind weltweit im Niedergang begriffen, konstatiert Ziegler.

Kritische Bilanz der Arbeit der Vereinten Nationen
Dafür macht der ehemalige Soziologie-Professor auch die mangelnde Effektivität der UN-Organisationen verantwortlich. Und das ist neu an seinen Analysen.

Der Globalisierungsgegner Ziegler weiß, wovon er spricht. In seiner Funktion als Vizepräsident im beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrats war Ziegler 2016 mitverantwortlich für eine Resolution, die den profitorientierten Handel mit Schuldtiteln unterbinden sollte. Die neue Völkerrechtsnorm wurde mit der Begründung abgelehnt, die "Geier-Fonds" seien ein Instrument des freien Marktes und die Freiheit des Marktes sei unantastbar.

Einblicke in die UN-Institutionen 
Jean Zieglers kritischer Insider-Blick auf die Struktur und Wirkung der UN-Organisationen, vom Sicherheitsrat bis zum Internationalen Strafgerichtshof, macht das Buch lesenswert und befreit es vom "déjà-lu" (frz.‚ "schon gelesen")-Vorwurf.

Besonders interessant sind die geschickt eingeflochtenen autobiografischen Details, darunter Begegnungen mit Männern, die einst die Welt bewegten, unter anderem Henry Kissinger, an dem er kein gutes Haar lässt, oder Willy Brandt.

Ein Buch als Waffe gegen die Sterblichkeit
Und er lässt uns in dem Kapitel "Eine Pause am Wegesrand" einen Moment lang teilhaben an seinen Ängsten vor der Endlichkeit. Trost findet er in der Erkenntnis: "Ein Buch ist eine mächtige Waffe gegen den Tod."

Inventurbericht und Mutmacher
"Auf dem schmalen Grat der Hoffnung" ist keine neue Kampfschrift des Alt-Kommunisten Ziegler. Es ist eher ein Inventurbericht über seine Arbeit an der Front der Vereinten Nationen. Aber das Buch könnte all jenen Bürgern Mut machen, die ihre Duldsamkeit gegenüber dem Elend und der Ungerechtigkeit in der Welt gerne mit dem Satz begründen, man sei als Bürger ohnmächtig und könne sowieso nichts ausrichten gegen die Übermacht der Polit-Eliten und Finanz-Oligarchien. Falsch, sagt der Autor: "Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie."

"Hunger ist von Menschen gemacht"
Ziegler setzt auf den allmählich wachsenden Widerstand in der Zivilgesellschaft. Er glaubt an die "sanfte Gewalt der Vernunft", die seiner Meinung nach siegen wird im Kampf für eine neue humane Weltordnung. Er ist überzeugt: "Immer mehr Menschen werden sich bewusst, dass es keine Fatalität gibt, dass die neoliberale Wahnidee von den Naturkräften des Marktes eine reine Herrschaftslüge ist und dass Hunger zum Beispiel menschengemacht ist. Alles, was es braucht, ist ein Aufstand des Gewissens. Und mein Buch will eine Waffe sein für den Aufstand unseres Gewissens."


Der schmale Grat der Hoffnung von Jean Ziegler
Seitenzahl:
320 Seiten


 
03:50
Graphic Novel über den ersten Kriegsdienstverweigerer
 

 
03:49
Porträt: Fotograf und Helfer Erik Marquardt
 

 
58:33
Lüneburg und die "Roten Rosen"
 
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