Der Einzug des Fiktiven in die Filmdokumentation

03.04.2013 · 07:20 Uhr Deutschland Radio Kultur

Hektischer Blick auf die Realität

Der Einzug des Fiktiven in die Filmdokumentation

Von Hartwig Tegeler

Naturfilme und andere grandiose Dokumentationen begeben sich laut trommelnd ins Event-Fahrwasser und nähern sich der fiktiven Inszenierung an. Wir pflegen beim Schauen dieser spektakulären Bilder eine verdrehte Art des Wegschauens.

Ich fühle mich überfordert, schlicht überfordert, die spektakulären Bilder, die unsere Realität dokumentieren sollen, noch auseinander zu halten. Seit jeher waren Naturfilm-Dokumentationen ja fester Bestandteil unserer Fernsehprogramme.

Doch traten sie Ende der 1990er-Jahre mit "Mikrokosmos" oder "Nomaden der Lüfte" auch einen ungeahnten Siegeszug im Kino, auf der großen Leinwand an. Spektakuläre Bilder allüberall also: "Unsere Erde", "Unser Universum", "Serengeti" oder "Deep Blue". Grandios, spektakulär ist inzwischen alles an diesen Dokus. "Deep Blue" beispielsweise kann mit stolzen fünf Jahren Drehzeit werben, 20 Kamerateams nicht zu vergessen.

Doch wie der Spielfilm haben sich inzwischen auch die Naturfilme und mit ihnen andere Dokumentationen wie beispielsweise die Politdokus von Michael Moore laut trommelnd ins Event-Fahrwasser begeben. Das Genre nimmt hybride Formen an. Wo im Dokudrama noch der Unterschied zwischen Interviews mit Experten bzw. Zeitzeugen und den nachinszenierten Szenen deutlich sichtbar bleibt, lösen sich im spanischen Film "The Plague" die Unterschiede vollkommen auf. Was ist noch dokumentarisch, was fiktiv?

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist seit jeher das ästhetische Problem des Dokumentaristen. Eberhard Fechner sprach denn auch von "Erzählfilmen" und relativierte die Objektivität seiner Aufnahmen, weil sich die Subjektivität des Filmemachers immer im Schnitt zeige.

Michael Moore, der Ende der 1990er-Jahre dem Dokumentarfilm auch im Kino einen enormen Hype bescherte, hatte mit solch theoretischem Überbau nie etwas im Sinn. Er agitierte in seinen vorgeblichen Dokumentarfilmen, was das Zeug hielt, und ob ein Interview mit einem Arbeitsplatzvernichter in "Roger & Me" hineinkam oder nicht, entschied er nicht danach, ob es wahr, sondern ob es dramaturgisch effektiv war.

Lud der Spielfilm immer ein zum Eskapismus, so begibt sich auch der moderne Dokumentarfilm mit seiner kontinuierlichen Annäherung an die fiktive Inszenierung in die Nähe dieser Einladung, dem Alltag nämlich und der ungeschminkten Realität zu entfliehen. Und konfrontiert uns dabei aber mit einem Paradoxon.

Um es noch einmal am Beispiel einer dieser spektakulären Naturdokumentationen zu verdeutlichen: Im Staunen über den bisher womöglich letzten unentdeckten Tiefseebewohner wollen wir nicht gerne hören, dass das pflanzliche Plankton, Basis der Nahrungspyramide in den Ozeanen, seit 1950 global um 40 Prozent geschwunden ist.

Das mitzudenken würde uns unser ehrfürchtiges Staunen über diese Naturschönheit in spektakulären High-Definition-Bildern in Superzeitlupe dann doch ein wenig vergrätzen. Was in der Konsequenz heißt: Wir pflegen beim Schauen eine verdrehte Art des Wegschauens.

Aufklärung, Wahrheitssuche - ist das noch möglich, wenn so das große Theater auch im Dokumentarfilm betrieben wird? Alte Prinzipien treten in seinen hybriden Formen dann gegenüber dem Effekt immer häufiger in den Hintergrund. So beschert uns nun die Nähe zum Spielfilm, zum fiktiven Erzählen also, nicht nur den nervenden Dauermusik-Teppich, sondern mit seinen hektischen Schnittorgien auch einen eklatanten Zeitmangel.

Lange Erzählungen von Interviewpartnern, wie sie uns Claude Lanzmann noch in seiner epochalen Doku "Shoah" oder Jahrzehnte später Werner Herzog in seinem verstörenden Porträt eines Mörders in "Tod in Texas" boten, Erwin Wagenhofer in "We feed the world" oder "Let's make money" ebenso: lange Erzählungen werden immer mehr Ausnahme.

Langsamkeit, das Zeit-Lassen, das diese Dokumentaristen uns noch zumuten, es verhindert ja, dass etwas zwischen uns und die Aussagen der erzählenden Menschen tritt. Das ist eine hohe Anforderung, zweifellos eine, die in Widerspruch tritt zum entspannten Konsumieren.

Hartwig Tegeler, geboren 1956 in Nordenham-Hoffe an der Unterweser, begann nach einem Studium der Germanistik und Politologie in Hamburg seine journalistische Arbeit bei einem Privatsender und arbeitet seit 1990 als freier Hörfunk-Autor und -Regisseur in der ARD. Er schreibt Filmkritiken, Features und Reportagen.