Spieler-Gesellschaft

 

Spiegel-Reporter Thomas Hüetlin schrieb in einem Kommentar, Johnson sei ein „hyperaktive[r] Viel-Redner“ und „ein Clown, der sich zu Höherem berufen fühlt“ gewesen. Er halte „den Brexit eigentlich für Quatsch“. „Es war nur ein Spiel, um sich für einen Machtwechsel bei den Tories später zu positionieren. Johnson hat nie ernsthaft damit gerechnet, das Votum für einen Austritt wirklich zu gewinnen.“ Die britische Politik der letzten Jahre sei ein Privatduell zweier Snobs (Johnson und Cameron) gewesen, „die sich eigentlich nur für sich selbst interessieren und die elitärsten Kreise der britischen Klassengesellschaft.“(Wikipedia)

 

"Boris Johnson steht keineswegs für sich allein. Vielmehr verbirgt sich dahinter ein neuer Schlag des Politikers, wie ihn auch Donald Trump verkörpert. Müsste man eine Psychologie dieser neuen politischen Leitfigur zeichnen, würde dahinter ein besonderer Typus sichtbar: der ältere weiße Mann, in aller Regel selbst der Elite zugehörig und hochgradig narzisstisch, der skrupellos auf die einfache, populistische Lösung setzt. Gleichzeitig amalgamiert sich die eigene Egomanie mit nationalistischem Größenwahn: „Make our country great again“ verbindet die Trumps und Johnsons mit der „Forza italia“-Attitüde Berlusconis."   ....

Was dabei völlig auf der Strecke bleibt – und das ist das vielleicht Gefährlichste dieser Entwicklung –, ist der Wille zu einer echten demokratischen Öffentlichkeit und zu einer sachlichen Information der Bevölkerung. Die Kampagne der Brexiteers basierte auf einem ungeheuren Lügengebäude – und das ungeachtet der Tatsache, dass es sich um eine Entscheidung handelte, die die Entwicklung Großbritanniens und der EU auf Generationen bestimmen wird.

Die neuen Spielertypen können jedoch nur deshalb Erfolg haben, weil sie auf eine infantilisierte Spaßgesellschaft treffen. Diese hat die Unterschiede zwischen Politik und Unterhaltung weitgehend eingeebnet. Wo aber Politik zur bloßen Unterhaltung, zur bloßen Konsumentendemokratie – und zum Wettbewerb der Egomanen – verkommt, werden andere, genauer: keine Ansprüche mehr an die Wahrheit gestellt. „Das Zeitalter der Fakten ist vorbei“, stimmen daher manche bereits den depressiven Abgesang auf eine an echter Aufklärung der Bevölkerung orientierte Politik an.[2] Doch noch ist Trump nicht Präsident – und das britische Exempel nicht verallgemeinerbar. Die britische Elite war stets von besonderer Art, wie auch die Wertschätzung der Bevölkerung für Exzentriker vom Schlage Boris Johnsons.

Und dennoch sollten wir uns deshalb nicht auf der sicheren Seite wähnen: Wir sind von derartigen Exzessen nicht allzu weit entfernt. Es ist noch nicht lange her, dass ein Hasardeur namens zu Guttenberg weite Teile des Landes in Verzückung versetzte. Auch hier kam nach dem Rausch der Kater, als das Land feststellen musste, einem Hochstapler aufgesessen zu sein. Das Beispiel Guttenberg zeigt jedoch auch, dass keine Demokratie vor der populistischen Versuchung gefeit ist.

Albrecht von Lucke in den Blättern für deutsche und internationale Politik 8/2016